Burnout verstehen (4 von 10): Warum gerade Leistungsträger gefährdet sind
Sie übernehmen Verantwortung. Sie lösen Probleme. Sie treffen Entscheidungen, wenn andere noch überlegen. Und wenn es schwierig wird, legen sie häufig noch einmal eine Schippe drauf.
Gerade Menschen in Führungspositionen sind es gewohnt, zu funktionieren – auch unter hoher Belastung.
Das macht sie erfolgreich. Doch genau darin kann auch ein Risiko liegen.
Nicht, weil Leistung krank macht. Und auch nicht, weil erfolgreiche Menschen grundsätzlich stärker burnoutgefährdet wären. Problematisch wird es, wenn hohe äußere Anforderungen auf innere Antreiber treffen und gleichzeitig Regeneration immer weniger Raum bekommt.
Dann können ausgerechnet jene Eigenschaften, die beruflichen Erfolg ermöglichen, dazu beitragen, dass Warnsignale sehr lange übersehen werden.
Leistung ist nicht das Problem
Eines möchte ich gleich zu Beginn klarstellen:
Leistungsorientierung ist keine psychische Störung.
Ehrgeiz, Verantwortungsbewusstsein, Zuverlässigkeit und hohe Ansprüche an die eigene Arbeit sind wertvolle Eigenschaften. Schwierig wird es erst, wenn sie ihre Flexibilität verlieren.
Aus: „Ich möchte gute Arbeit leisten“ wird: „Es darf mir kein Fehler passieren.“
Aus: „Ich übernehme Verantwortung“ wird: „Ohne mich funktioniert es nicht.“
Aus: „Auf mich kann man sich verlassen“ wird: „Ich darf niemanden enttäuschen.“
Und aus: „Ich schaffe das“ wird irgendwann: „Ich muss das schaffen.“
Der Unterschied klingt klein. Psychologisch ist er erheblich. Denn aus einer einst frei gewählten Haltung wird ein innerer Zwang.
Warum Leistungsträger Warnsignale besonders lange übersehen können
Wer in seinem Berufsleben viele schwierige Situationen bewältigt hat, entwickelt Vertrauen in die eigene Belastbarkeit und das ganz zu Recht.
Das Problem entsteht dann, wenn aus dieser Erfahrung die Überzeugung wird:
„Ich habe bisher alles geschafft – also schaffe ich auch das.“
Der Körper meldet Erschöpfung? Noch ein Kaffee.
Der Kopf kommt nachts nicht zur Ruhe? Das aktuelle Projekt ist eben besonders anspruchsvoll.
Das Wochenende bringt keine Erholung mehr? Nach dem nächsten Termin wird es bestimmt ruhiger.
Und wenn die Konzentration nachlässt, wird nicht weniger gearbeitet – sondern häufig noch mehr.
Genau hier kann eine ungünstige Spirale entstehen. Die Leistungsfähigkeit nimmt ab, also wird die Anstrengung erhöht. Die erhöhte Anstrengung führt zu noch weniger Regeneration. Und die fehlende Regeneration verstärkt wiederum die Erschöpfung.
Die gefährliche Seite des Funktionierens
Menschen mit hoher Verantwortung können häufig sehr lange kompensieren. Sie erscheinen nach außen weiterhin souverän. Meetings finden statt. Entscheidungen werden getroffen. Deadlines werden eingehalten. Vielleicht merkt das Umfeld zunächst überhaupt nichts. Innerlich sieht es längst anders aus. Der Kopf läuft permanent, die Reizbarkeit steigt, der Schlaf wird schwieriger. Freude und Leichtigkeit verschwinden zunehmend aus dem Alltag.
Man funktioniert. Und genau deshalb wird der schleichende Prozess häufig nicht erkannt. Solange die Leistung stimmt, scheint schließlich alles in Ordnung zu sein. Aber Funktionieren ist nicht dasselbe wie gesund sein.
Burnout entsteht nicht nur im Menschen
Bei diesem Thema ist mir eine Differenzierung besonders wichtig. Es wäre viel zu einfach, Burnout bei Führungskräften mit Perfektionismus, mangelnder Abgrenzung oder falschem Stressmanagement zu erklären. Auch die Arbeitsbedingungen müssen betrachtet werden.
Dauerhafter Zeitdruck, Personalmangel, permanente Erreichbarkeit, hohe Verantwortung bei gleichzeitig geringen Entscheidungsspielräumen, widersprüchliche Erwartungen oder eine Unternehmenskultur, in der Überstunden als Engagement gelten, können erheblich zur Belastung beitragen.
Ein noch besseres Selbstmanagement löst keinen chronischen Personalmangel.
Eine Atemübung beseitigt keine unrealistischen Zielvorgaben.
Und Resilienz bedeutet nicht, dass Menschen lernen sollen, immer schlechtere Arbeitsbedingungen immer besser auszuhalten.
Deshalb schaue ich in meiner Arbeit auf beide Seiten:
Was geschieht im Umfeld? Und was geschieht im Menschen? Erst daraus entsteht ein realistisches Bild.
Wenn berufliche Stärken zum inneren Antreiber werden
Besonders interessant wird es dort, wo äußere Anforderungen und persönliche Muster aufeinandertreffen.
Verantwortungsbewusstsein
Eine Führungskraft möchte Verantwortung übernehmen. Das gehört zu ihrer Aufgabe. Problematisch wird es, wenn Verantwortung nicht mehr abgegeben werden kann: „Bevor ich lange erkläre, mache ich es lieber selbst.“
Kurzfristig funktioniert das hervorragend. Langfristig steigt die Belastung.
Perfektionismus
Hohe Qualitätsansprüche können ausgezeichnete Ergebnisse hervorbringen.
Doch wer innerlich nur zwischen „perfekt“ und „nicht gut genug“ unterscheidet, verbraucht enorme Energie.
Kontrolle
In unsicheren Situationen gibt Kontrolle Sicherheit. Wer jedoch glaubt, alles im Blick behalten zu müssen, kann kaum noch delegieren – und gedanklich nur schwer abschalten.
Anerkennung durch Leistung
Besonders tiefgreifend kann es werden, wenn Selbstwert und Leistung eng miteinander verbunden sind. Dann bedeutet ein Fehler nicht mehr: „Da ist etwas schiefgelaufen.“ Sondern unbewusst vielleicht: „Ich habe versagt.“ Und eine Pause fühlt sich nicht wie Regeneration an, sondern wie mangelnde Produktivität.
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Der Körper unterscheidet nicht zwischen beruflichem Erfolg und Dauerstress
Unser Stresssystem ist grundsätzlich etwas Sinnvolles. Es mobilisiert Energie, erhöht unsere Aufmerksamkeit und hilft uns, schwierige Situationen zu bewältigen. Nach einer Belastung braucht der Organismus jedoch wieder Phasen, in denen er herunterfahren kann. Problematisch wird es, wenn genau diese Phasen fehlen. Wenn der Körper nach dem Meeting noch im Alarmzustand ist. Wenn beim Abendessen bereits der nächste Arbeitstag durchdacht wird. Wenn nachts Entscheidungen im Kopf weiterlaufen. Wenn das Wochenende körperlich frei ist – der Kopf aber im Büro bleibt. Dann wird aus kurzfristiger Aktivierung zunehmend Dauerbelastung.
Mehr darüber lesen Sie in meinem Artikel „Warum Burnout schleichend entsteht – und warum gerade starke Menschen die Warnsignale oft übersehen“.
Drei Fragen, die sich Leistungsträger stellen sollten
Vielleicht lautet die entscheidende Frage deshalb nicht: „Wie viel halte ich aus?“ Sondern:
1. Kann ich noch abschalten?
Nicht nur den Laptop. Sondern auch innerlich.
2. Kann ich Verantwortung abgeben?
Oder habe ich zunehmend das Gefühl, dass alles von mir abhängt?
3. Woraus entsteht mein Gefühl von Wert?
Aus dem, was ich leiste? Oder darf ich auch dann mit mir zufrieden sein, wenn etwas einmal nur „gut genug“ ist?
Die Antworten müssen nicht perfekt sein. Aber sie können Hinweise darauf geben, ob aus gesunder Leistungsorientierung langsam ein Muster geworden ist, das dauerhaft Energie kostet.
Nachhaltige Leistungsfähigkeit bedeutet nicht weniger Leistung
Gerade Führungskräfte reagieren auf Burnout-Prävention manchmal skeptisch. Sie möchten schließlich nicht lernen, weniger ambitioniert zu sein. Das müssen sie auch nicht. Es geht nicht darum, Leistungsbereitschaft abzuschaffen. Es geht darum, Leistungsfähigkeit langfristig zu erhalten. Dazu gehört, Belastung frühzeitig wahrzunehmen. Prioritäten zu setzen. Verantwortung abzugeben. Das eigene Stresssystem regulieren zu können. Und zu erkennen, wann nicht die eigene Stresskompetenz das Problem ist, sondern die äußeren Bedingungen verändert werden müssen. Das ist keine Schwäche. Das ist professionelle Selbstführung.
Der Wendepunkt
Vielleicht besteht die größte Gefahr für leistungsstarke Menschen nicht darin, dass sie zu wenig aushalten. Sondern darin, dass sie zu lange zu viel aushalten können. Denn wer gewohnt ist, Schwierigkeiten zu bewältigen, sucht die Lösung häufig zunächst bei sich: Noch besser organisieren, noch effizienter arbeiten, noch etwas länger durchhalten.
Der Wendepunkt beginnt mit einer anderen Frage:
„Ist die Art, wie ich gerade arbeite und lebe, langfristig tragfähig?“
Diese Frage verändert die Perspektive. Es geht nicht mehr darum, den nächsten Monat irgendwie zu schaffen. Es geht darum, auch in einigen Jahren noch gesund, klar und leistungsfähig zu sein.
Psychologischer Blickwinkel
Burnout lässt sich nicht auf eine einzelne Persönlichkeitseigenschaft reduzieren.
Entscheidend ist das Zusammenspiel von Arbeitsanforderungen, vorhandenen Ressourcen, Regeneration, persönlichen Antreibern und individuellen Bewältigungsstrategien.
Deshalb halte ich auch Aussagen wie „Perfektionisten bekommen Burnout“ für zu einfach. Perfektionismus kann ein Risikofaktor sein. Hohe Arbeitsbelastung kann ein Risikofaktor sein. Fehlende Erholung kann ein Risikofaktor sein. Aber entscheidend ist das Muster, das daraus entsteht. Und genau dieses Muster lässt sich verändern.
Was meine ITP-Methode damit zu tun hat
Meine ITP-Methode richtet sich speziell an Menschen in verantwortungsvollen Positionen, die weiterhin leistungsfähig bleiben möchten – ohne auszubrennen.
Dabei geht es nicht um noch mehr Wissen über Stress. Die meisten Führungskräfte wissen längst, dass Schlaf, Bewegung, Pausen und Grenzen wichtig sind. Die entscheidende Frage lautet:
Wie gelingt es, dieses Wissen auch dann anzuwenden, wenn der Alltag voll und der Druck hoch ist?
Deshalb arbeiten wir in meinem strukturierten 8-Wochen-Programm mit wenigen, gezielt ausgewählten und alltagstauglichen Werkzeugen.
Ziel ist es, Stress aktiv regulieren zu können, den Kopf wieder zur Ruhe zu bringen und langfristig mehr mentale Klarheit und Lebensqualität zu entwickeln – ohne dafür das gesamte Leben umkrempeln zu müssen.
Vielleicht liegt genau darin Ihr nächster Wendepunkt: Nicht weniger Verantwortung übernehmen. Sondern anfangen, sich selbst in diese Verantwortung einzubeziehen.
Lesen Sie auch aus der Serie „Burnout verstehen“
→ Die 7 frühen Warnzeichen eines Burnouts https://wendepunkte-im-leben.de/blog/die-7-fruehwarnzeichen-eines-burnouts/
Welche Signale häufig auftreten, lange bevor nichts mehr geht.
→ Warum Burnout schleichend entsteht https://wendepunkte-im-leben.de/blog/burnout-verstehen-2-von10-warum-burnout-schleichend-entsteht/
Warum Dauerbelastung irgendwann zur Normalität werden kann.
→ Burnout oder Depression? Die wichtigsten Unterschiede erkennen
Warum sich beide Zustände ähneln können – und weshalb eine sorgfältige Unterscheidung wichtig ist https://wendepunkte-im-leben.de/blog/burnout-verstehen-3-von-10-burnout-oder-depression-die-wicht/
Ihre Meinung interessiert mich
Welche Eigenschaft hilft Ihnen beruflich besonders – und könnte genau diese Stärke manchmal auch dazu führen, dass Sie zu lange über Ihre eigenen Grenzen gehen?
Herzliche Grüße Ihre Stephanie Tyczka
Diplom-Psychologin | Heilpraktikerin für Psychotherapie
Wendepunkte – Psychologie, die wirkt.
Verstehen. Verändern. Wachsen.